Konfliktbearbeitung durch Theater


Schule im Alltag bedeutet neben Wissensvermittlung auch die Beschäftigung mit der Frage: „wie gehen bei Konflikten in der Schule Schüler und Schüler und Schüler und Lehrer miteinander um? Dieser Aspekt wird zunehmend wichtiger, da statistisch betrachtet, die Zahl an Gewaltaktionen in Schulen steigt, die Lehrer aber in ihrer Ausbildung nur in Ausnahmefällen Kompetenzen im Bereich Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention erworben haben. Die Theaterpädagogik bietet durch den ganzkörperlichen Ansatz und durch das spielerische Lernen mit allen Sinnen im Wechselspiel von Aktion und Reflexion ein geeignetes Forum für eine erfolgreiche Mehtode bei der Gewaltprävention.
Deshalb bietet die LAG TheaterPädagogik BaWü seit Jahren Fortbildungen für Lehrer und Schulsozialarbeitern und Projekttage für Schulklassen zur „Gewaltprävention durch Theater“ an. Folgende Methoden und Theaterformen haben sich bei der Konfliktbearbeitung mit den Mitteln des Theaters als besonders hilfreich erweisen.
Elementaren Grundkenntnisse über die Körpersprache helfen in der konkreten Arbeit mit Jugendlichen bei der Konfliktbewältigung in Schule und im Unterricht.
Das, was wir fühlen und empfinden drückt sich in Gestik, Mimik, Körperhaltung und Bewegung aus. Jede innere Haltung, jedes Gefühl setzt sich in äußere Bewegung um. Dieser Vorgang ist uns nicht immer bewusst, sind wir es doch gewohnt der gesprochenen Sprache die wichtigere Bedeutung als Kommunikationsmittel zu geben. Achtet man nicht nur auf die verbale Aussage eines Menschen, sondern auch auf seine nonverbale Körpersprache, so erhalten wir zusätzliche Informationen und eine bessere Einschätzung der Konfliktsituation.
Intensive Beschäftigung mit der Körpersprache, um Wahrnehmung, Bewusstmachung und Sensibilisierung des eigenen und des fremden Körperausdrucks zu schulen. Wie drücke ich durch meinen Körper meine Gefühle aus, an welchen Körperteilen äußern sich welche Gefühle und wie nehme ich sie wahr? Wie wirke ich damit auf die anderen und wie wirken ihre Ausdrucksformen auf mich?
Diese Erfahrungen lassen sich durch die Arbeit in der Gruppe mit den Gelenkstellen des eigenen Körpers eindeutig spüren – z.B. Schultern nach vorne und oben in Richtung Ohren zusammenziehen (Opferrolle) oder Schulter nach hinten und nach unten ziehen (Machotyp). Ohne großen Aufwand können nun die beiden Gruppen aufgefordert werden, zunächst nonverbal sich in seinem neuen Grundgestus bewusst wahrzunehmen, dann ohne Worte miteinander zu kommunizieren und erst in einem dritten Schritt, verbal aufeinander zu reagieren. Es entstehen häufig heftige verbale und gestische Angriffe der Machogruppe, während sich die Opfergruppe versucht in Deckung zu bringen. . Wichtig ist es nach der ersten Phase die Rollen / den Grundgestus zu tauschen, um beiden Gruppen die Möglichkeit zu geben, die Opfer- und Täterrolle zu erleben. Eine kurze Reflexionsphase hilft, die erlebten Erfahrungen bewusster zu machen. Grundregel bei allen diesen Übungen im Raum : Nicht berühren und nicht sprechen (außer es ist ausdrücklich angesagt).
Wahrnehmungsübungen zur Körpersprache mit der neutralen Maske.
Eine erstaunliche Konzentration erreiche ich, selbst bei schwierigsten Hauptschulgruppen, wenn ich mit der neutralen Maske arbeite. Ein meist weiße und „ausdruckslose“ Maske, die das ganze Gesicht und die Mimik verdeckt und dazu zwingt, Gefühle und Haltungen mit dem ganzen Körper dazustellen. Eine Person wendet sich auf der Bühne vom Publikum weg, setzt die Neutralmaske auf und dreht sich dann um zu den Zuschauern.
Ein Zuschauer geht dann zu der Maskenfigur auf die Bühne und versucht sie in eine Skulptur mit klarer Grundemotion zu verwandeln, ohne – das ist elementar wichtig – sie zu berühren oder zu sprechen. Der „Baumeister“ hat nur imaginäre Fäden oder Stäbe zur Verfügung, um die Maskenfigur entsprechend seiner Vorstellung zu modellieren. Durch das Berührungsverbot ist die Unantastbarkeit der Person gesichert, die Identität der Maskenfigur bleibt gewahrt und es kommt beim Modellieren zu einer echten nonverbalen Kommunikation zwischen Baumeister und Maskenfigur. Sehr schnell lernt der „Baumeister“ auch, dass das Gesichtsfeld der Maske eingeschränkt ist und sie nur reagiert, wenn er zunächst das Sichtfeld der Maske auf den Körperteil richtet, den er verändern will. Diesen Bauprozess begleiten die Zuschauer mit hoher Aufmerksamkeit. Nach Fertigstellung der „lebenden Skulptur“ hat der Baumeister einige Sekunden Zeit, sich die Körperhaltung genau einzuprägen, dann klatscht er, die Maskenfigur dreht sich weg vom Publikum, sie nimmt die Maske ab. Der bisherige Baumeister setzt die Maske auf, geht in die von ihm modellierte Maskenhaltung und dreht sich zum Publikum um. Durch diesen direkten Rollenwechsel von Baumeister in Maskenfigur, wird erreicht, dass der „Baumeister“ am eigenen Leibe erfährt, was er mit seinem Maskenmodell angerichtet hat.
Wenn die Gruppen eine gute Fertigkeit beim Modellieren mit imaginären Fäden entwickelt haben, arbeiten wir mit zwei Maskenfiguren. Ausgangspunkt ist ein erlebter Konflikt. Abwechselnd, nach dem Theaterprinzip „Zug –um – Zug“ werden die beiden Figuren von Zuschauern, die eine Idee haben, nach einander modelliert verändert, dass eine Konfliktlösungsgesichte oder rückwärts gedacht, eine Ursachenerforschungsgeschichte entsteht.
Es folgt der spielerische Umgang mit Macht und Aggressivität, unter anderem mit Methoden aus dem Theaterkampf und dem Stockkampf. Besonders eindruckvoll ist für alle Beteiligten am Theater- oder Bühnenkampf, dass die Anwendungsformen wie Ohrfeige geben, Faustschlag versetzen, an den Haaren, an den Ohren und an der Nase ziehen nach einer kurzen Übungsphase aus der Zuschauerperspektive von einer realen Kampfsituation kaum zu unterscheiden sind, aber bei den Akteuren selbst eine völlige Umkehrung der realen Kampfsituation stattfindet. Die Bühnenkämpfer haben eine klare Abfolge nach dem Theaterprinzip „Zug um Zug“ einstudiert und es kommt noch hinzu, dass die Person, die die Schläge und Ohrfeigen austeilt, sich selber weh tut. Eine Person, die an den Haaren zieht nur ihre Hände auf den Kopf und die Haare des Partners legt, die „leidende“ Figur, die Bewegung der beiden durch den Raum führt und steuert.
So wird durch die Transformation eines spontanen Kampfes auf die Theaterebene eine Stilisierung des Konflikts, der Kampfsituation erreicht, die trotz starker gespielter Emotionen bei den Akteuren Distanz, Spannungsabbau und Selbstwahrnehmung fördert.
Konflikte aus dem Pausenhof können durch dieses Verfahren mit den Schülern, die den Vorgang beobachtet haben, nachgespielt werden und nach einer gewissen Phase mit den Streithähnen selbst. Das Theater bietet eine Reihe von Stilisierungsmöglichkeiten, die je nach Konflikt und Klasse eingesetzt werden können. So kann der Streit in Zeitlupe oder in einer andern Emotion (z.B. cool) nachgestellt werden, an einen andern Ort verlagert werden. (vergl. das Koboldspiel, Marcel Kunz, Spiel-Raum“. Die einzelnen Phasen können auch von den Zuschauenden kommentiert werden. Ebenso können die Streithähne durch räumliche Distanz wie beim Schlagabtausch, die Kampfsituation „Zug-um-Zug“ in einem Abstand von drei oder vier Metern wiederholen.

Bei subtilen Formen von Konflikten wie Mobbing in der Gruppe bieten sich Formen des chorischen Theaters an. Eine Person wird ausgegrenzt und erhält als Symbol eine Blume. Die andern reagieren aus der Gruppe zunächst nur mit abwertenden Gesten und feindlicher Mimik. In einer nächsten Phase kann die Gruppe auch verbal mit verletzenden und beleidigenden Sätzen reagieren, wobei auch hier das Zug-um-Zug Prinzip gilt: nach einem Satz, der in verschiedenen Variationen von der Gruppe wiederholt wurde, ist die Reaktion der „Ausgegrenzten“ ab zu warten. Den Schlusspunkt der Aktion setzt die Ausgegrenzte, indem sie die Blume an eine Person aus der Gruppe übergibt, die sich mit beleidigenden Äußerungen möglicherweise sehr hervorgetan hat. Die Reflexionsrunde erfolgt nachdem alle einmal die Erfahrung der Ausgegrenzten gemacht haben unter der Fragestellung: „Was fühlt man bei Unterdrückung und wie kann man sich wehren?“ Meist ergeben sich sehr intensive und persönliche Gespräche.

Im weiteren Verlauf werden Alltags-Geschichten und – Erfahrungen der Gruppenmitglieder als Ausgangsmaterial genommen und im szenischen Spiel neue Handlungsmöglichkeiten ausprobiert. Es geht dabei um Hierarchien und Statusspiele – wer und wie führt – wer und wie wird geführt.
Hier ist hinzuweisen auf die bekannten Methoden des Statuentheaters nach Augusto Boal. Real erlebte Formen von Unterdrückung werden in Form von Gruppenstandbildern modelliert. Aufgrund des Realbildes von Unterdrückung werden Lösungsvorschläge oder utopische Bilder gebaut – wichtig: ohne zu reden. Dann wird in kleinen Schritten nach dem Zug-um-Zug Prinzip und dem inneren Subtext „Beobachten-Beurteilen-Reagieren“ (BBR-Methode) schrittweise eine Veränderung des Realbildes und der Personen in Richtung utopisches Bild präsentiert.
Diese Form ist bei Gruppen, die wenig Theatererfahrungen haben, gut einsetzbar.
Bei Gruppen mit Theaterspielerfahrung sind die Formen des Forum-Theaters nach Boal sehr geeignet. Ein Konflikt wird szenisch genau bearbeitet ( siehe: Handwerkszeug zur Bearbeitung von Rollen und Geschichten) und bis zum Höhepunkt des Konflikt gespielt. Bei der zweiten Vorführung, können die Zuschauer das Spiel durch Klatschen unterbrechen. Die Person die geklatscht hat, ersetzt den Protagonisten und spielt auf der Bühne eine neue Idee mit dem Ziel, die Eskalation der Gewalt zu verhindern. Die andern Schauspieler in der Szene reagieren auf die neue Herausforderung aus ihren festgelegten Rollen. Das Theater bietet hier die wunderbare Möglichkeit des Probehandelns auf den Brettern, die „die Welt bedeuten“ . Wenn verschiedene Zuschauer mit unterschiedlichen Lösungsideen den Protagonisten der Szene ersetzen, ist für alle Anwesenden gut zu erleben, welche Methode beim Eingreifen in einen Konflikt erfolgreich, welche wenig oder keine Chancen hat. Diese Form des „Diskutierens per Theater“ ist sehr erfolgreich bei vielen Lehrerfortbildungen eingesetzt worden.
Abschließend weise ich noch auf eine besondere Form des Erzähltheaters hin, in der ein Erzähler eine erlebte Geschichte erzählt und dann eine Gruppe von Schauspielern, die mit den Methoden vertraut ist, den Ablauf, die Hintergründe und Gefühle des erlebten Konfliktes in der Form des Playback Theaters präsentiert.
Im Anschluss an alle Methoden und Formen der Theateraktionen gibt es Reflexionen über die gemachten Theatererfahrungen, um die Erfahrungen aus der Fortbildung später im Schulalltag ausprobieren zu können: – was war passiert – mit mir selbst – mit den anderen – was hat sich entwickelt – wohin geht mein Blick in die Zukunft – wie haben sich die Themen, Gefühle, Konfliktbewältigung im Spiel für mich erschlossen – hat sich etwas bei mir verändert…..?
Literatur:
Otto Seitz (Diplomtheologe, Diplompädagoge für Spiel und Theater, Theaterlehrer /des Regierungspräsidiums Tübingen, Hauptschullehrer mit dem Studienschwerpunkt Religion und Physik, 20 Jahre Vorsitzender / Vorstand der LAG TheaterPädagogik BW e.V. )